Joe Cunningham

Linda Theil von der Greater Ann Arbor Quilt Gilde (GAAQG) hat dieses Interview mit dem Quiltkünstler Joe Cunningham anlässlich seines Besuchs in Ann Arbor zum GAAQG Quilt Day im Januar 2017 am 4. Dezember 2016 geführt. Hier findest Du das englische Original!

Neben dem Vortrag beim Quiltday hat er auch in zwei ganztägigen Workshops auf dem Campus des Washtenaw Community Colleges unterrichtet. Hier kannst Du lesen, was wir dort erlebt und gelernt haben!

Mit ausdrücklicher und sehr freundlicher Erlaubnis (VIELEN DANK DAFÜR!!!!) übersetze ich es hier, damit Du es leichter lesen kannst.

“Winter Twister,” made by Joe Cunningham, 2010, 73 x 69. Photo by Johnny Davis, San Francisco, CA, 2011

Joe Cunningham ist ein weltbekannter Künstler, der seit 1979 professionell Quilts macht. Er lebt im Presidio von San Francisco, nur wenige hundert Meter von der Golden Gate Bridge entfernt.

GAAQG: Auf deiner Internetseite steht, dass du Musiker warst, bevor du Quilter wurdest. Welches Instrument und welchen Musikstil hast du gespielt?

JC: Ich habe als Allround-Gitarrist in den Nachtclubs von Michigan gespielt seit ich 15 war. Größtenteils habe ich als Rockgitarrist in und um Flint* gearbeitet. Aber ich bin nie mit irgendeiner Berühmtheit aufgetreten.                                                    (* Michigan)

GAAQG: Denkst du, dass deine Textilkunst von dieser Zeit als Musiker beeinflusst wird?
JC: Ich denke, dass die tiefere Auseinandersetzung mit jeder Art von Kunst deine künstlerische Vorstellungskraft bereichert und aufzeigt, was alles möglich ist. Ein Musiker zu sein hat mich vor allem gelehrt, offen für Improvisationen zu sein – weil das manchmal der einzige Weg ist, dahin zu kommen, wo du hinmöchtest.

GAAQG: Hast du eine Meinung zu den Spannungen zwischen dem sogenannten Modern Quilting und dem traditionellen Quilting?
JC: Also diese Spannung zwischen den beiden Lesarten – ich sehe sie gar nicht als grundlegend verschieden an. Sowohl das traditionelle als auch das moderne Quilten basieren auf der Ästhetik eines anderen. Ich will damit sagen, dass unsere Interpretation dessen, was wir „traditionell“ nennen, auf der Interpretation jemand anderen basiert, der einige Quilts aus dem neunzehnten Jahrhundert studiert hat.
Ich wünschte, jedeR würde diese Quilts aus dem Zusammenhang genommen betrachten und selbst urteilen, was er oder sie als „traditionell“ empfindet.
Das moderne Quiltdesign, das auf den Lehren und Stilen einiger weniger Quiltkünstler beruht, wirkt der Entwicklung eines persönlichen Stils entgegen, aber gerade das ist es, was mir besonders am Herzen liegt. Ich möchte die Leute dazu bringen, Arbeiten hervorzubringen, die ihre Individualität widerspiegeln, nicht Arbeiten, deren einziges Ziel es ist, die Regeln oder Vorgaben eines anderen zu erfüllen.
Das, was ich in der Welt des Quiltens suche, ist Anarchie, genau wie das, was ich in den Arbeiten der Frauen des 19. Jahrhunderts gesehen habe: nichts, das aussieht wie die Idee eines anderen, wie ein Quilt aussehen sollte. Das Gute am „modernen“ Quilt-Machen ist meiner Ansicht nach, dass es dem Quiltdesign das folkloristische „Country“-Element genommen hat, so dass es auch für jüngere Leute okay ist, sich dafür zu interessieren.

GAAQG: Wer hat dich zu Beginn beeinflusst?
JC: Mary Schafer und ihr Kreis in Flint und Flushing haben mich anfangs stark beeinflusst. Mary hat mir klargemacht, dass ich ein Quilthistoriker werden sollte, ein Quiltgelehrter, ein Künstler und Quiltkonstrukteur, und dass ich alte Quilts kopieren muss, um sie so richtig zu verstehen.
(Ed.: Cunningham hat Mary Schafer and her Quilts mit Gwen Marston 1991 geschrieben)

GAAQG: Glaubst du, dass Stoff mittlerweile ebenso akzeptiert wird wie künstlerische Medien, die dauerhafter sind?
JC: Ich glaube, dass Textilien als Teil des künstlerischen Standardrepertoires akzeptiert werden. Die Welt der Kunst ändert sich aber auf so unterschiedlichen Wegen, auf so vielfältige Weise, dass wir als Textilkünstler rennen und uns schnellstmöglich entwickeln müssen, um damit Schritt halten zu können.

GAAQG: Kannst du uns von deinen Erfahrungen mit der „PBS Craft in America“-Serie erzählen?
JC: Mit „Craft in America“ zusammen zu arbeiten, war ein Traum. Die Produzentin Carol Sauvinion hat mich in meinem Studio in San Francisco besucht und wir haben uns auf Anhieb verstanden. Sie fragte mich, was ich machen würde, wenn ich eine Folge  drehen sollte, und ich sagte ihr, dass ich ein Filmteam nach Gee’s Bend in Alabama mitnehmen würde, um die dortigen Quilter zu besuchen. Die Quilter sind Freunde von mir, sie haben mich schon hier besucht, ich war einige Male bei ihnen.
Also haben wir das gemacht. Danach sind wir zurück nach San Francisco geflogen und haben ein Interview in meinem Studio gedreht. Das war toll. Ich fand den ganzen Prozess klasse und habe dadurch einen ganzen Haufen neuer Freunde gefunden. Ganz klar ein Highlight in meinem Leben.
(Ed.: Schau Dir „PBS Craft in America“ – Folge 5 an: Industry online at PBS oder auf DVD, sehr interessant!)

GAAQG: Was sollen deine SchülerInnen zu deinen Workshops mitbringen, und welche Resultate wünschst du dir für die Workshops hier in Ann Arbor?
JC: Meine Schüler sollten wissen, wie man eine Nähmaschine bedient. Und sie sollen keine Stoffe mitbringen, die zu sehr aufeinander abgestimmt sind. Ich würde mich freuen, wenn die Leute einfach mit der Idee kommen, wirklich alles mit einem Quilt machen zu können, was sie möchten, und dass das Ergebnis dann niemand anderem gefallen muss als ihnen selbst.

GAAQG: Warst du schon mal hier? Hast du Pläne, möchtest du etwas Bestimmtes hier tun, erleben?
JC: Als ich in Flint aufwuchs, war Ann Arbor immer die nächstgelegene Möglichkeit für mich, die Kultur zu erleben, die mich anzog.
Ich fuhr nach A2, um Konzerte zu hören, von der „Free-John-Sinclair-Kundgebung*“ mit John Lennon, Stevie Wonder und vielen anderen, über die Zeiten, in denen ich Boogie Woogie Red im Blind Pig oder die Steve Nardella Band mit meinem Freund Mark Braun am Piano anhörte, bis dahin, als ich selbst im Mr Flood’s Party mit meiner Band The Suttle Brothers auftrat – ich habe Ann Arbor immer geliebt.
*The John Sinclair Freedom Rally war eine Protestaktion und Konzert als Antwort auf die Festnahme John Sinclairs wegen Besitzes von Marihuana am 10.12.1971. Es fand in der Crisler Arena der Universität von Michigan in Ann Arbor statt.

GAAQG: Wohin geht es als nächstes?
JC: Als nächstes bin ich in Lincoln, Nebraska, zum International Quilt Study Center and Museum , um die Antrittsvorlesung zu einem Ausstellung zu halten, der der späten Mary Ghormly gewidmet ist, deren Familie diese Sammlung gestiftet hat. Ich werde einen Workshop machen und einen Vortrag zu meinen Ansichten über historische Quilts halten.
(Ed.: Joe Cunningham Creative Design Workshop Feb. 4, 2017)

GAAQG: Worauf freust du dich?
JC: Nachdem ich die letzten Monate viel unterwegs war, freue ich mich darauf, die nächsten anderthalb Monate in meinem Studio zu verbringen, um mir neue Kurse auszudenken und eine neue Quiltreihe zu beginnen. Außerdem habe ich angefangen, an einem neuen Buch zu arbeiten. Es wird die Geschichten aus den letzten 20 Jahren als Quiltmacher und Bilder von noch unveröffentlichten Quilts enthalten. In Ann Arbor freue ich ich mich besonders darauf, meine Freunde, den Pianisten Mark Braun und das Künstlerpaar John and Candace Pappas, zu treffen.

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