Schule oder Party! Party! Party!

Die Schulen (immer mit dem Zusatz: „in Ann Arbor“, denn ich bin mir bewusst, dass das, was wir hier erleben und genießen dürfen, nicht selbstverständlich ist!) geben sich Mühe, den Kindern das Leben angenehm zu gestalten. Nicht, dass hier nicht auch gelernt würde, es gibt Tests und Noten und alle Nöte, die es anderswo auch gibt. Aber man ist hier der Ansicht, dass das alles auch (wenn nicht sogar: nur) mit einer Portion Spaß geht. Freitags ist häufig „Spiritday“. Das bedeutet: „Zieh dich wie ein Lehrer an“, „Komm wie ein Grundschulkind“, „Hawaiihemd-Tag“, „Lieblingssportklubtag“… in der Middle School, oder „Schnurrbarttag“, „Crazy Hair day“, „Pyjamatag“… in der Grundschule. Jeden letzten Freitag im Monat ist Popcorn-Freitag: Donnerstags bringen die Kinder 25 Ct mit, und freitags bekommen sie dann eine kleine Tüte frisch gemachtes Popcorn. Die Kinder lieben das, als gäbe es sonst kein Popcorn zu kaufen. Eine Kleinigkeit mit großer Wirkung.

Aus dem Feiern kommt man in unserer Grundschule sowieso nicht heraus: Internationale Nacht, Kunst-Ausstellung, gigantisches Sommerfest, Musical-Aufführungen… Und merkwürdigerweise artet das gar nicht in Stress aus. Ich glaube, das liegt an der hervorragenden Organisation und an der sehr klaren zeitlichen Begrenzung. In der Regel dauern Veranstaltungen (und dazu gehören auch Kindergeburtstage) zwei Stunden. Wer wann wo mithilft, wird über SignupGenius im Internet geregelt. Man sieht, was wann zu tun oder mitzubringen ist und kann sich ganz einfach eintragen. Das funktioniert, alle packen an.

Keine Kosten und Mühen gescheut…

Gewinn in der Tombola!

Praktisch gedacht, ökologisch nicht ganz korrekt

Gewinn einen Kuchen!

Also: Das wirklich umwerfende Summer Celebration Fest ging von 18 bis 20 Uhr. Zwei große Hüpfburgen bzw. -rutschen, Hotdog-Stand, Pizza (die praktischerweise gleich von der lokalen Pizzeria in Kartons geliefert wird, so dass man eine ganze Pizza zum Mitnehmen oder nur ein Stück zum Sofortessen kaufen kann), Wahnsinns-Lotterie mit unglaublichen Preisen wie Fahrrädern, Mini-iPads, Geschenkekörben, Eisstand, eisgekühlte Getränke, Haare färben, Schminkstand, unzählige Spielstationen. Es gibt so viel zu tun: Tore schießen, nasse Schwämme werfen (auf die Gesichter derjenigen, die ihre Köpfe todesmutig durch die Torwand stecken, ein Riesenspaß), Schatzsuche im Sand, Gläser mit Regenbogensand befüllen, Klopapierrollenweitwurf (politisch völlig unkorrekt, aber auch ein Monsterspaß)… Für den „Cakewalk“ wird auf dem Schulhof ein großer Kuchen mit nummerierten Kuchenstücken aufgemalt. Die Teilnehmer laufen zur Musik im Kreis. Wenn die Musik stoppt, wird eine Zahl gezogen und der Mensch, der gerade auf dem entsprechenden Kuchenstück steht, darf sich einen Kuchen von dem reichhaltigen Buffet aussuchen. Ist das Buffet leer, ist das Spiel eben zu Ende. Oder „Popbottle ring toss“: Kinder werfen Ringe um große Limoflaschen (mit zwei Schwierigkeitsgraden für große und kleine Kinder), wer trifft, darf die Flasche behalten. Ich habe ein Mädchen weinen sehen, weil irgendwann die Flaschen alle waren und sie noch nicht mitgespielt hatte… So einfach, und so viel Spaß. Ein nicht eben günstiger Spaß, das man man erwähnen: Man braucht für alle Spiele und natürlich das Essen reichlich Bons à 50 Cent. Das läppert sich dann ganz schön. Aber das ist hier die Art, die Schule mitzufinanzieren. Ich schreibe von einer Grundschule, in der es selbstverständlich ist, dass es unendlich viele iPads für die Kinder gibt und sich die Schulleiterin dafür entschuldigt, dass die iMacs im Computerraum schon zwei Jahre alt sind.

Auch bei der Kunstausstellung geht es ans Ersparte: Die Schule hat sich in eine Galerie verwandelt. Die Gänge hängen voller Bilder, denn von jedem Kind ist ein Bild ordentlich gerahmt und aufgegangen worden. Es gibt Kuchen und Fingerfood, alle Klassen singen 2 Lieder im Mehrzweckraum, man trifft sich, quatscht, flaniert durch die Gänge und bewundert die Kunstwerke. Das Bild des eigenen Kindes bekommt man dann später nach Hause. Man kann es aber auch sofort kaufen: Inklusive Rahmen 25 Dollar, viel Geld, das aber scheinbar die meisten sehr gerne ausgeben bzw. spenden. Und die Kinder strahlen vor Stolz.

Auch die Internationale Nacht war ein beeindruckendes Erlebnis: Die Schule hatte sich in eine Art EXPO verwandelt: In der ganzen Schule verteilt waren Stände und Buden aufgebaut, in denen Familien die unterschiedlichsten Länder vorstellten: Brasilien, Mikronesien (musste ich erst mal googeln, um mich nicht zu blamieren), Kanada, Indien, Iran, Pakistan, Japan, China, Kolumbien, Mexiko, Italien, Polen, besonders nett: Palästina gleich neben Israel, natürlich Deutschland… ich weiß sie nicht mehr alle, es waren so viele. Man konnte entweder sein Herkunftsland vorstellen (bzw. das seiner Vorfahren) oder einfach ein Land, das man kennt und mag. Alle haben landestypisches Essen mitgebracht (wir waren ein sehr beliebter Stand, das lag wahrscheinlich an den Gummibärchen), Bücher, Spielsachen, trugen teilweise Landestracht, die Mexikaner hatten eine gigantische Großfamilie und ein coole Band dabei, die Iren haben für uns getanzt, bei den Japanern konnte man Origami lernen, bei den Chinesen kalligraphieren, … was für ein rauschendes Gänsehaut-Fest. So bunt und spannend. Und das Beste:  Auch das kommt nächstes Jahr wieder. Wir sind schon für unseren Stand verabredet, denn die Familie, mit der wir Team Germany waren, hat zur Hälfte deutsche und zur Hälfte französische Wurzeln… :o) Das Bild zeigt schon unsere Crèperie 2017.

Als ich unsere Schulleiterin darauf ansprach, dass ich es toll finde, dass so viel gefeiert wird, lachte sie und entgegnete dann ernster: „Ja, das müssen wir ja auch! Das MÜSSEN wir!“ Die Deutsche in mir dachte gleich: ‚Sicher, der Wettkampf unter den Schulen um die Schüler wird sicher auch hier dazu führen, dass die Schulen sich etwas einfallen lassen müssen, Konkurrenzkampf, hach, das ist schwer….‘

Nein, ganz anders: „Wir müssen feiern, weil Schule Spaß ist. Die Kinder verbringen soviel Zeit hier, sie müssen sich doch wohl fühlen und sich jeden Morgen freuen, herzukommen. Und die Familien gehören mit dazu, auch sie sollen Teil der Schulgemeinschaft sein und ein positive Einstellung gegenüber der Schule haben. Lernen ist Freude, und wenn Lernen keinen Spaß macht, werden die Kinder nicht wirklich viel lernen. Dann machen wir hier unseren Job falsch. Wir wollen hier mit den Kindern und mit sehr viel Spaß lernen!“

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