Becca Fenstermaker

Darf ich Dir Becca Fenstermaker vorstellen? Becca lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Teenagern auf einer Cranberry Farm im Süden des Bundesstaats New Jersey. Zum nächsten Supermarkt ist es eine halbe Stunde Fahrt, aber wenn ich mir ihre spektakulären Sonnenaufgangs-Bilder in den Sozialen Medien ansehe, würde ich am liebsten sofort zu ihr ziehen. Auf jeden Fall träume ich davon, sie mal zur Erntezeit zu besuchen.

Becca ist in fünfter Generation im Preiselbeeren-Anbau (schau es Dir an: Pine Island Cranberry Co), in zweiter Generation Quilterin und der erste Mensch den ich kenne, der einen Blackhawk-Hubschrauber reparieren kann. Sie war sechs Jahre lang Cheftechnikerin einer Blackhawk-Besatzung und unter anderem in Deutschland stationiert. Becca kann Hubschrauber reparieren! Ich finde das ziemlich cool.

Kennengelernt habe ich sie 2016 in Chicago. Wir haben beide an einer Veranstaltung teilgenommen, die sich SewPro nannte. Ich weiß, ich bin den Blog-Artikel darüber immer noch schuldig, ich schreibe ihn, versprochen!!

Schau Dich mal auf ihrem (natürlich englischsprachigen) Blog Pretty Piney um. Sie ist nämlich nicht nur eine wirklich talentierte Schnittmusterdesignerin und Quilterin, sondern auch eine unglaublich unterhaltsame Geschichtenerzählerin mit einem unbeschreiblichen Sinn für Humor.

Becca Fenstermaker

Hier kannst Du sie finden: https://prettypiney.com und auf Instagram (@prettypiney)

Becca ist übrigens auch Zertifizierte Lehrerin für Sew Kind of Wonderful. Ich würde so gerne einen Workshop bei ihr machen.

 

Wie, wann und warum hast Du angefangen zu quilten oder zu nähen?

Obwohl ich mit dem Schnurren der Nähmaschine meiner Mutter aufgewachsen bin, die permanent alles was man sich nur denken kann nähte, und ich mit neuen Jahren Kreuzstichstickerei gelernt habe, hatte ich nie das Bedürfnis, nähen zu lernen, bis ich verzweifelt Schwangerschaftshosen gesucht habe. Als große Frau mit ziemlich langen Beinen war es unmöglich, welche zu finden, die lang genug für mich waren! Mein Mann und ich waren gerade erst in einen Staat gezogen, in dem ich kaum jemanden kannte, und im Internet gab es damals auch noch nicht so viele Näh-Ressourcen wie heute, also musste ich mich voll auf den Rat und die Unterstützung der hilfsbereiten Mitarbeiterinnen des Stoffladens vor Ort verlassen 

Als ich dann erfolgreich einige Hosen und ein paar Schlafanzüge genäht hatte, habe ich mich an Baby-Sachen herangewagt. Von da an habe ich alle möglichen ‚vergänglichen‘ Sachen genäht – hauptsächlich Halloween-Kostüme und Kinderkleidung.

Lustigerweise ist mir erst vor ein paar Jahren aufgefallen, dass ich streng genommen in diesem frühen Teil meines Nählebens meinen ersten Quilt gemacht habe. Es war ein Wholecloth (das bedeutet, dass die Quiltoberseite nicht aus vielen Einzelteilen wie beim Patchwork, sondern aus einem einzigen großen Stück Stoff besteht), eingefasst mit einer dicken, fetten Kordel, die mit Stoff umwickelt war. Ich hatte damals keine Ahnung von Rollschneidern. Ich habe mir aus Küchenrollenpapier eine Quilt-Vorlage gebastelt und die Rechtecke mit einer Schere ausgeschnitten. Aber das Ganze war gefüttert, ich hatte mir einen Obertransportfuß gekauft… also, ja, ich habe einen Quilt gemacht, lange bevor ich mich selbst als Quilterin betrachtet habe. 

 

Quilts – genähte Liebe

Offiziell habe ich das Quilten erst 2011 gelernt. Meine Mutter hatte mich zu einer Quiltshow in der Nähe mitgenommen und mir gefiel die riesige Bandbreite der gezeigten Quilts sehr.

Die meisten Nicht-Quilter denken bei Quilts an altmodische, oma-haftes Patchwork in alt-rosé und trüben Farben, oder kitschige Babydecken aus Modestoff… zumindest habe ich an so was gedacht. Aber oh, die Quiltwelt ist so viel abwechslungsreicher! Als ich meinen ersten Quilt in einer Klasse in einem Quilt-Stoffgeschäft gemacht habe, habe ich heimlich einen zweiten Quilt in anderen Farben als Weihnachtsgeschenk für meine Mutter genäht. Damals wie heute ist sie meine beste und hilfreichste Quiltfreundin, und wir sind uns durch das Quilten noch näher gekommen.

 

Hier kommt die Preisfrage: Moderne, traditionelle, zeitgenössische, Kunstquilts: was begeistert Dich am meisten? Und warum?

NEEEEIIIIINNNNN, DAS DARFST DU NICHT FRAGEN! Das ist so als sollte ich mein Lieblingskind auswählen. Was mich am meisten begeistert ist nicht unbedingt der Stil eines Quilts, sondern die Geschichte, die dahinter steht. In meiner eigenen Arbeit sind die Quilts, die am besten ankommen diejenigen, die einen persönlichen Bezug haben. Wenn du unbedingt willst, dass ich mich festlege, dann würde ich sagen, dass mich auf Shows vor allem zeitgenössische Auslegungen traditioneller Quilts anziehen. Aber Kunstquilts zu machen, ist auch so UNGLAUBLICH befriedigend. Können wir sagen, es steht unentschieden?

 

Lass uns mal persönlich werden: Wer ist Becca Fenstermaker? Erzähle uns ein bisschen von Dir. Was sollten wir unbedingt von Dir wissen? Verrätst Du uns Deine Lieblingsmacke oder was Dich zum Wahnsinn treiben kann?

Oje. Naja, ich habe keine Angst davor, etwas auszuprobieren. Ich finde auch an dem hässlichsten Quilt noch eine schöne Seite.

Auch wenn ich im allgemeinen keine Quiltperfektionistin bin, bin ich ein bisschen besessen vom Binding – ich liebe es, das Binding mit der Hand anzunähen. Die meisten Leute sind tatsächlich überrascht, wenn sie hören, dass ich gerne von Hand nähe. Ich habe einen Quilt mit Woll-Appliqué, an dem ich jahrelang gearbeitet habe. Runter zu kommen zum Handarbeiten ist für mich wie Meditation, die Ruhe in meinen Tag bringt.

Es bringt mich absolut zum Wahnsinn, wenn Leute ihre Arbeit zeigen und sofort anfangen, auf ihre „Fehler“ hinzuweisen. Macht das nicht! Obwohl du natürlich immer versuchen solltest, dein Quilten zu verbessern und dein Bestes zu geben – es sind doch die Unvollkommenheiten, die eine Momentaufnahme dessen sind, wo du gerade jetzt stehst. Denk an einen Verwandten oder Freund, der nicht mehr da ist. Hättest du nicht gerne einen Quilt, den er/sie gemacht hat? Würdest du daran herumkritisieren, weil er nicht perfekt ist? Oder würdest du genau das wertschätzen, weil es ein kleiner Teil der Person ist, die du vermisst? Das ist es, was Quilts ausmacht: Sie sind du, und du bist nicht perfekt, aber du wirst geliebt!

 

Was machst Du, wenn Du gerade nicht quiltest? Wie sieht ein perfekter Becca-Tag aus?

Wie…nicht quilten ist eine Option?? 
Ich bin Frühaufsteher. Mein perfekter Tag beginnt bei Sonnenaufgang, ich meditiere und mache ein wenig sanftes Yoga während der Kaffee durchläuft. Nach der ersten Tasse Kaffee gehe ich joggen. Wenn die Kanne Kaffee dann leer ist, bin ich gerüstet für den restlichen Tag.

Da es ja ein perfekter Tag ist, wachen meine Kinder zu einer vertretbaren Zeit auf und putzen das Haus, ohne dass ich sie fragen muss. Und mein Mann bietet mir eine Fußmassage an.
Mittag essen wir in einem einfachen Restaurant (Ich bestelle ein Omelette) und dann geht es in ein Kunstmuseum. Im Auto höre ich meine Playlist „Lieder zum Mitsingen“ und ich singe den ganzen Weg zum Museum laut mit.

Danach halte ich bei einer Gärtnerei, um neue Blumen für den Garten zu kaufen. Ich koche das Abendessen (sicher sind da Nudeln involviert) und bekomme selbst-gemachtes Eis zum Nachtisch. Die Kinder räumen auf und verbieten mir, auch nur einen Finger zu krümmen, weil das Abendessen sooo köstlich war.

Dann mache ich es mir bei einem alten Film gemütlich und nähe das Binding an einen Quilt (ich fürchte, kein Quilten ist wirklich einfach keine Option). Darüber schlafe ich ein und träume von den Quilts, die ich morgen nähen kann.
Manchmal komme ich diesen perfekten Tagen ziemlich nah. Allerdings schaffe ich es praktisch nie, nicht doch irgendwas putzen oder aufzuräumen zu müssen.☹

 

Zurück zum Quilten: Welchen Schritt des Quiltprozesses magst Du am liebsten?

Mein Lieblingsschritt ist immer der, den ich gerade mache. Abgesehen vielleicht von der Entscheidung, wie ich etwas quilten soll…das fällt mir ziemlich schwer.

 

Zeigst Du uns Deinen Lieblingsquilt?

Eine Quilterein nach ihrem Lieblingsquilt zu fragen ist eine ‚grausame und ungewöhnliche Bestrafung‘. (Siehe Bill of Rights) 

Wenn ich es aber aus dem Blickwinkel der Geschichte, die dahinter steht, betrachte, dann ist es wohl ein 12 Inch großer Kunstquilt, den ich zum Thema ‚Fenster’ gemacht habe. Hier kannst Du mehr darüber lesen.

 

“Shelter” von Becca Fenstermaker von Pretty Piney 
12″ x 12″ Seide, Leinen, Spandex, aufbügelbares Schrägband

Was machst Du, wenn Du einen kreativen Block hast? 

Ich gehöre einer Kunstquilter-Gruppe an, die regelmäßig Näh-Herausforderungen zu einem bestimmten Thema durchführt.

Manchmal weiß ich sofort, was ich machen will. Aber manchmal ist das nicht so klar. Wenn ich nicht weiterkomme, suche ich oft nach Zitaten oder Sprüchen zu dem gestellten Thema und sammle dann Ideen, wie ich die Worte in einem Quilt umsetzen könnte. Gelegentlich enden die Wörter wirklich auf einem Quilt, aber meistens dienen sie der Inspiration. Der ‚Fenster‘-Quilt ist einer von denen, die von einem Zitat inspiriert waren.

Und in diesem hier ist das Zitat Teil des Designs: https://prettypiney.com/what-i-made-monday-03-june-2019/

 

Mask Quilt, 2019. Kunstquilt inspiriert von einem Zitat von Alice Walker 
Masken? 2019? Das nenne ich visionär!

Bist Du Mitglied in einer Quilt-Gilde? Wenn ja, was würdest Du jemandem davon erzählen, der noch nicht mal weiß, was Gilden eigentlich sind?  

Ich bin Mitglied in einer örtlichen ‚traditionellen’ Gilde, den ‚Berry Basket Quilters‘, und auch individuelles Mitglied der Modern Quilt Guild. Die Philadelphia MQG hat mich irgendwie adoptiert, und ich bin dabei, mich auch offiziell ihrer Ortsgruppe anzuschließen, weil das einfach so nette Menschen sind.

Grundsätzlich bin ich kein Vereinstyp. Ich bin nicht besonders gesellig. Aber (ich glaube es war) 2013 habe ich mich den ‚Berry Basket Quilters‘ angeschlossen, mein Vorsatz für das neue Jahr war, andere Quilter kennen zu lernen. Und wow, war das eine brillante Entscheidung! Ich habe soviel Unterstützung und Ermunterung auf meinem Quilt-Weg bekommen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich in der Gruppe wohlfühlen konnte, obwohl die Mitglieder alle sehr freundlich und offen waren. 

Mein Rat an alle, die sich zum ersten Mal einer Gilde anschließen, ist, der Sache mehr Zeit zu geben als nur die ersten ein, zwei Treffen. Nimm an kleineren Workshops oder Nähwochenenden teil, wenn es geht – das sind die Gelegenheiten, um die Menschen besser kennen zu lernen!

Warum quiltest Du? Kannst Du den Zauber von Quilts erklären?

Ich habe mich schon oft gefragt, warum ich quilte. Ich bin ein sehr pragmatischer und geradliniger Mensch, ich habe mich nie als Künstlerin oder sonderlich kreativ betrachtet.

Allerdings mochte ich es schon immer, Stoff in Geschäften anzufassen, und ich liebe Puzzles. Und irgendwie vereint das Quilten diese beiden Dinge.

Und dann sind da natürlich wieder die Geschichten. Die Geschichten alter Quilts (wahr oder ausgedacht), die Geschichten der Leute, die sie machen, und diese Geschichten sind in Stoff und Faden geschrieben. Quilts sind ein wundervoller und wunderschöner Weg, Momente eines Lebens zu kommunizieren.

Diesen Quilt hat Becca für „The Women’s March Craft Swap“ gemacht. Er wohnt mittlerweile in Deutschland, aber kann auch auf der Seite www.unitedwequilt.com bewundert werden.

Was meinst Du dazu?