Lass uns mal über das Wetter reden

Es ist April, ein guter Moment, über das Wetter zu philosophieren. Nicht über den Klimawandel, das wäre zwar nötig und angemessen, aber hier geht’s heute nur um das ganz normale Wetter – soweit man das in Michigan normal nennen kann. 

Michigander reden gerne über das Wetter. Und oft. Eigentlich immer. Und sie sind stets bestens informiert und kennen alle meteorologischen Fachtermini.

Zudem gibt es gibt jede Menge Sprüche, Witze und Memes über das Wetter in Michigan. Und das, obwohl es offiziell nur zwei Jahreszeiten gibt: Winter und Baustelle. Nein, es gibt natürlich vier, und die kann man, wenn man Glück (oder Pech, wie Du willst) in Michigan problemlos in einer Woche erleben. Oder anders herum: Wenn Dir das Wetter mal nicht gefällt, warte einfach eine Viertelstunde. Dann ist es anders.

Michigander haben einen ausgefeilten Wortschatz für ihre Jahreszeiten:

  • Winter
  • Sucker’s Spring (Idiotenfrühling)
  • Real Winter (Echter Winter)
  • Fool’s Spring (Narrenfrühling)
  • Third Winter (Dritter Winter)
  • Actual Spring (Echter Frühling)
  • Family returns from Florida (Familie kommt aus Florida zurück)
  • Summer (Sommer) 
  • Hell’s Front Porch (Vorhof zur Hölle auf der Veranda)
  • Fool’s Fall (Narrenherbst)
  • Summer Again (schon wieder Sommer)
  • Actual Fall (richtiger Herbst)
  • Winter’s back (der Winter ist zurück)

Ok, lass uns die Jahreszeiten mal durchdeklinieren:

Winter

Michigander behaupten, dass wir sechs Monate Winter haben. Aber das stimmt nicht, es sind acht. 

Quatsch, aber viele leiden unter dem langen und in der Regel wintrigem Winter, daher gibt es viele ‚Snowbirds‘. Das sind (meistens pensionierte oder sonst wie ungebundene) Michigander, die einige oder alle Wintermonate im wärmeren Süden verbringen, viele in Florida, aber auch Arizona, Tennessee oder Georgia. Eigentlich schade, ich finde, sie verpassen eine herrliche Zeit. Ich liebe Schnee, wahrscheinlich kommt mir der Winter deswegen auch nicht so lang vor.

Kurzer Exkurs: Michigan besteht aus zwei Halbinseln, die untere sieht aus wie ein linker Fausthandschuh, oben drüber eine zweite linke Hand, aber horizontal. Ortsbeschreibungen hören sich hier so an: ‚Ich komme aus dem Daumen‘ oder ‚Wir waren oben im kleinen Finger im Urlaub‘… und jeder hebt automatisch die linke Hand und zeigt, was er meint.

In der oberen Halbinsel (UP für Upper Peninsula) und dem nordwestlichen Teil der unteren Handschuh-Halbinsel (ich hebe gerade meine Hand und wedel über die oberen Enden meines kleinen, Ring- und Mittelfingers) gibt es richtig viel Schnee. Also, richtig viel. Zuverlässig. Es gibt zwar keine Berge, aber immerhin Hügel, in denen es sehr nette kleine Skigebiete gibt.

Im südlicheren Teil gibt es auch ordentlich Schnee, aber da sind die Unterschiede teilweise groß. In Michigan gibt es den berühmt-berüchtigten See-Effekt-Schnee. Die Luftfeuchtigkeit über den großen Seen trifft auf die kältere Luft über dem Land und fällt dann als Schnee aus allen Wolken. Rund 50 Meilen vom Ufer landeinwärts am stärksten, aber es gibt mehrere sogenannte Bänder, die quer-schräg durch ganz Michigan verlaufen und reichlich Schnee bringen. Ann Arbor liegt in so einem Band, deswegen haben wir hier mehr Schnee als Orte 20 Kilometer weiter nördlich oder südlich von uns.

Der gleiche See-Effekt sorgt übrigens auch für gemäßigte Übergangstemperaturen, die Michigan zu einem der wichtigsten Obstanbaugebiete der Welt machen – wer hätte das gedacht? Kirschen, Äpfel und sogar Wein aus Michigan sind richtig gut

Der Schnee und oft Eis bringen nicht nur viel Feuchtigkeit für die Natur (die wir dann nicht im Sommer als Regen haben müssen), sondern die bei den Kindern sehr beliebten Schneetage. Je nach Schulbezirk kommt die ersehnte SMS/automatisierte Anruf/Email/Facebookpost/Twitternachricht (jupp, es wird aus allen Rohren geschossen, damit kein Elternteil uninformiert bleibt) früher (wir hatten schon zwei Tage Vorlauf) oder später (kurz vor sechs Uhr morgens). Und dann ist der Jubel groß.

Im Winter 2018/2019 hatten wir bis Januar nur einen einzigen Schneetag, die Schuldezernentin war die meist gehasste Person (unter den SchülerInnen), da sie ja persönlich für das Wetter verantwortlich ist. Dann kam der Winter mit aller Macht, und ab dem 9. Tag schneefrei mussten die Kinder zittern, dass die Sommerferien verschoben werden, um den verpassten Stoff nachzuholen. Eltern finden Schneetage nicht so toll wie ihre Kinder, so dass ab Februar die Schuldezernentin wieder die meist gehasste Person war, diesmal unter den Eltern.

Grund für die Schneetage ist unter anderem, dass viele SchülerInnen an sogenannten Dirt-Roads wohnen, also unbefestigten Schotterpisten, die dann einfach unpassierbar sind. Unsere Straße ist zwar ganz normal asphaltiert, aber einmal abgebogen und schon ist man auf der nächsten Dirt-Road. Und da fährt – oder fährt nicht – der Schulbus lang.

 

Das Rekord-Hoch für eine Saison waren 355,9 Inches (das sind 8 Meter und 89 Zentimeter. Übereinander) im Winter 1978/79, das Minimum waren 81,30 Inches (immerhin noch 203 cm) (Gemessen beim Houghton County Memorial Airport vom Michigan Tech’s Keweenaw Research Center)

Winterspaß nach Michigander Art

Für Detroit war der Winter 2013/2014 der schneereichste überhaupt, mit 94,9 Inches (237 cm), normalerweise sind es um die 43 Inches (107 cm), die Temperaturen sind in der Regel unter Null. Der meiste Schnee fällt im Februar, und am häufigsten beklagen sich die Menschen, dass es sowenig Sonnenschein gibt, angeblich ist es an 59 Tagen stark bewölkt. Unsere Kinderärztin sagt deswegen bei jedem Besuch, dass wir vielleicht doch Vitamin D zufüttern sollten, weil wir in Michigan so wenig Sonne abbekommen. Das erheitert uns immer sehr, weil wir Michigan so unglaublich sonnig finden. Vielleicht war ich da mit der Kölner Bucht auch einfach mein Leben lang unterversorgt.

In dem für die Schuldezernentin so hartem Winter 2018/19 war es nicht so sehr der Schnee, der uns das Leben schwer gemacht hat, sondern die Temperaturen. In Kombination mit dem hier wirklich unglaublich kaltem Wind, der offensichtlich aus der kältesten Ecke Kanadas direkt zu uns herüber weht. 

Spaziergang auf dem Huron

Die Temperaturen auf dem Thermometer sind nicht immer gleich, die gefühlte Kälte ist entscheidend. Es ist beeindruckend, wie kalt es werden kann, wenn der Wind mithilft. Beim Polar-Vortex im Februar 2019 lagen die Temperaturen bei „nur“ minus 26 Grad. Aber der Wind hat dazu geführt, dass man kaum ein paar Minuten draußen sein konnte, ohne sich Frostbeulen zu holen. Kein Scherz, gefühlte minus 47 Grad sind tatsächlich recht frisch.

Ich habe im ganzen Haus die Wasserhähne minimal aufgedreht und Wasser tropfen lassen, fließendes Wasser friert nicht so schnell ein. Bei meiner Freundin hat das nicht geholfen, ihr sind die (schlecht bis gar nicht isolierten) Rohre im Kriechkeller unter dem Haus eingefroren und geplatzt. Ich hatte nur Sorge, dass der Strom ausfällt oder die Heizung den Geist aufgibt und ordentlich Holz für den Kamin gehortet. Und klar, der Göttergatte trieb sich auf Dienstreise im kuschelig warmen Spanien herum.

Die Kleine wollte unbedingt zu den Nachbarskindern rennen. Die waren aber nicht da, nach ca. zwei Minuten kam sie zurück, setzte sich wortlos auf die Treppe und blieb da fünf Minuten regungslos sitzen, bis sie dann hervorbrachte: „Ist. Das. Kalt.“

Wenn Du sehen möchtest, was beim Polar-Vortex mit heißem Wasser passiert, klick hier und warte einen Moment:

Polar Vortex Hot Water Snow

Frühling

Der Frühling ist hier eher so eine Wetter-Restekiste: Ein paar Tage Sommer, jede Menge übrig gebliebener Schnee (besonders auf großen Parkplätzen, auf denen die zusammengeschobenen, fünf meter hohen Berge ewig brauch, um zu schmelzen), Wasser für das ganze Jahr, Sturm – es gibt alles in einer völlig unberechenbaren Mischung, irgendwann zwischen März und Mai. Aprilwetter auf Anabolika.

Wir waren Ostern mit den Kindern in unserem Fluß, dem Huron, plantschen, Shorts, Flipflops, T-Shirts, Sommer. Tags drauf habe ich herzlich mit vier verschiedenen Nachbarn über den angeblichen Schneesturm gelacht, vor dem sie mich warnen wollten. Haha, Aprilscherz. Ich stehe da in Shorts und soll meinem Mann sagen, dass er am nächsten Tag gegen ein Uhr mittags nach Hause kommen soll, weil es danach anfängt zu schneien? Selten so gelacht. Am nächsten Tag fing es um 13 Uhr an zu schneien, bis alles mit einer 30 cm dicken weißen Schicht überzogen war. Göttergatte war um 14 Uhr zuhause, alle Kinder waren von den Schulen schon vormittags nach Hause geschickt worden. Ein paar Busse haben es nicht rechtzeitig geschafft und hingen an den hügeligeren Straßen Ann Arbors kreuz und quer, so dass ich dann noch zur Grundschule gefahren bin, um meine Kleine einzusammeln. Am nächsten Tag war schulfrei: Einer der heiß geliebten Schneetage, nach Ostern.

Das war übrigens auch der Tag, an dem ich begriff, dass ich eine gescheite Wetter-App brauchte.

Der Michigander an und für sich ist übrigens ziemlich temperatur-unempfindlich (auch wenn sich immer alle beschweren). Eines Morgens stand ich an der Ampel und der Motorradfahrer vor mir trug Bermudas. Blick auf das Autothermometer: Null Grad. Klar, so was passiert im Midwest. Als sich dann im gleichen Moment ein ziemlich großer Hirsch (ja, das Tier) mitten in der Stadt zwischen meinem Auto und dem Motorrad durchquetschte (ok, immerhin hatte er grün), habe ich mich dann doch nach einer versteckten Kamera umgesehen. 

Schnee und Shorts

Die Einstellung zu Temperaturen färbt übrigens ziemlich schnell ab: Irgendwann fiel mir auf, dass meine Tochter bei -7 Grad in Shorts vor dem Aldi stand, und ich das irgendwie überhaupt nicht sonderlich fand. 

Ab ungefähr 10 Grad (immerhin plus) wird dann die Kanusaison eröffnet. 

Ganz genau so sieht das aus!

Apropos Saison: Frühling ist auch Tornado-Saison. Jedes öffentliche Gebäude hat hier einen Schutzraum. Tornados passieren eher selten, sind aber definitiv ernst zu nehmen, und die Stimmung wenn man darauf wartet, dass einer vorbeizieht und hoffentlich nicht auf den Boden kommt, ist schon ziemlich beeindruckend.

Sommer

Hier habe ich zum ersten Mal den Begriff „endloser Sommer“ erfasst. Es kann lange dauern, bis der Sommer kommt. Für viele in Ann Arbor ist das alljährliche Greek Festival (das Pfarrfest der griechischen Kirche hier) der offizielle Sommerbeginn. Es findet am ersten Juni-Wochenende statt. Falls ich es bis dahin noch nicht war, bin ich dort Ann Arbor restlos verfallen. Ein echtes Nachbarschaftsfest, man kann ein Auto gewinnen, wenn man Lose für 50 Dollar kauft, die Kinder docken mit ihren Freunden an und verschwinden sofort, bis sie neue Bons für Essen und Getränke brauchen, aber das Beste: ich könnte es mir griechischer nicht vorstellen. Die Menschen, das Essen, die Musik, die Tänze und das Wetter: richtig heiße Sommernächte, dazu noch die Grillen (die man hier bis in den November hört!) – einfach traumhaft.

Aber Michigan wäre nicht Michigan ohne Wetter-aber: Es gab auch schon Greek Festivals, an denen man froh war, wenn man die Handschuhe dabei hatte.

Generell wird am Memorial-Day-Wochenende (dem letzten Wochenende im Mai) auf Sommer umgestellt. Zack. Von heute auf morgen findet das Leben draußen statt. Schwimmbäder öffnen, Tische stehen auf der Straße, ein Festival jagt das nächste, in der Stadt ist eigentlich immer irgendwas, Musik, Essen, Party, absolut südländisches Flair. Ich muss einen eigenen Blogpost über die vielen Sommerfestivals schreiben: 

  • Top of the Park (die ganze Innenstadt ist den kompletten Juli Party, mit Essen, tausend Aktionen und Konzerten überall, jede Nacht), 
  • Taste of Ann Arbor (Restaurants bieten Häppchen ihrer Gerichte an und man kann sich einmal quer durch die (an Restaurants sehr reiche) Innenstadt futtern), 
  • Ann Arbor Street Art Fair (für ein langes Wochenende verwandelt sich die Innenstadt in eine Kunstmeile, hunderte von Künstlern und Galerien verkaufen ihre Werke. Und wenn man gerade nicht in der Stadt ist und hört, dass es in Ann Arbor ein heftiges Gewitter mit Platzregen gegeben hat, sagt der echte A2-Townie: „Ach, ist ArtFair-Wochenende?!“), 

um mal nur die ganz großen in der Innenstadt zu nennen.

Ansonsten steht Sommer in Michigan für: Lake Life. Mein Lieblingsaufkleber „Vier der fünf großen Seen bevorzugen Michigan“ weist nur auf die gigantischen, meerähnlichen Großen Seen zwischen Kanada und USA hin. Allein in Michigan gibt es aber 11.000 Inlandseen die größer als zwei Hektar sind. Die Boot-pro-Kopf-Dichte ist hier angeblich die höchste in ganz Amerika. Der nächste See ist nie weiter als 10 Kilometer entfernt.

Vier von fünf Seen können nicht irren

Von Juni bis September ist Sommer. In der Regel liegt die Temperatur dann zuverlässig bei 25 bis 30 Grad, und für Kölner Verhältnisse trocken, auch wenn sich Michigander darüber beklagen, wie schwül es sei. Regen gibt es eigentlich nur ganz vereinzelt, meistens Platzregen bei Gewittern, die dann in kürzester Zeit wieder vorbei sind. Ganz sicher allerdings gibt es eins am letzten Juli-Wochenende (das ist das Art-Fair-Wochenende, siehe oben).

Die Rekordtemperatur liegt bei gut 44° C, die im Juli 1936 gemessen wurden, aber das ist selten, die regulierende Wirkung der Seen sorgen dafür, dass es selten übermäßig heiß wird.

Herbst

Indian Summer, unglaublich kitschige Bilder von überwältigend bunten Bäumen… kombiniert mit T-Shirt-Wetter bis Mitte November (manchmal unterbrochen von heftigem Wintereinbruch im Oktober), das ist Herbst hier. Eine sagenhaft schöne Jahreszeit. Man kann im Internet nachsehen, wo gerade welche Bäume das sehenswerteste Spektakel bieten. In der Regel sind die obere Halbinsel und die Fingerspitzen dem Süden um einige Wochen voraus. 

Ich habe hier gelernt, dass die Laubfärbung von allen möglichen Faktoren abhängt, zum Beispiel, wie trocken der Sommer war, wann es wieviel Frost gibt, den Baumarten sowieso etc. Und wie immer sind die Michigander auch darüber gut informiert.

Nicht nur Neu-England kann Indian Summer!

Auch wenn die Anzahl der Fotos irgendwie winterlastig ist: Ich mag alle Jahreszeiten, oder genauer: Ich mag Jahreszeiten! Ich finde es wunderbar, dass ich auf einen heißen, trockenen und langen Sommer bauen kann, freue mich am Ende des ‚endlosen‘ Sommers auf die gigantischen Farben, bis es dann endlich kalt und kuschelig wird und schneit, und dann verheißt der Frühling schon wieder Sonne und Sommer. Ok, der Frühling ist verrückt, aber auch das finde ich liebenswert.

Was meinst Du dazu?