Das Geheimnis meiner Stoff-Sammlung

Das Geheimnis meiner Stoff-Sammlung

Ok, ich bin Stoffsammlerin. Und alle fragen mich, wie ich an diesen unglaublichen Fundus an Stoff herangekommen bin, ohne Banken zu überfallen. Das liegt an der Stoffversorgungslage in Amerika. Und weil so viele gefragt haben, beschreibe ich das jetzt mal ein bisschen.

Stoff-Juwelen

 

Fangen wir mal mit den Geschäften an. Es gab in Ann Arbor selbst (knapp 115.000 Einwohner, die fast alle gleichzeitig in unser Football-Stadium passen würden, aber das nur am Rande…) bis vor kurzem drei etablierte Nähgeschäfte bzw. Stoffläden. 

Zum Ann Arbor Sewing Center brauche ich keine 3 Minuten, ein familiengeführtes Traditionsunternehmen, über 50 Jahre alt. Früher war es der Viking-Spezialist, echte Arbor-iginees (nein, ich glaube, das ist kein Wort) sagen immer noch Viking-Center. Mittlerweile ist es auch zum Bernina-, Pfaff-, Husqvarna- und Singer-Fachhändler herangewachsen, es gibt viele traditionelle Stoffe, auch Civil-War-Reproduction-Stoffe, aber bei 7000 Ballen Stoff lässt es sich nicht vermeiden, dass auch sämtliche modernen Designer dabei sind. Eine große Ecke mit Batiks, jede Menge Zubehör, Garn, Bücher, Nähmöbel… was das Herz begehrt. 

Ab und an organisieren sie spezielle Events: Kaffe Fassett als Gast habe ich 2015 leider um ein paar Wochen verpasst, aber Ricky Tims durfte ich einen ganzen Tag voll Power erleben, Amanda Murphy ware hier, und wie immer hatte ich viel Spaß im Workshop mit Joe Cunningham, ein schrecklich netter und ausgesprochen unterhaltsamer Quilter und Musiker. Er lebt in San Francisco, ist aber regelmäßig hier, weil er ursprünglich hier aus Michigan kommt.

Außerdem gibt es zig sogenannte Clubs zu allen möglichen Themen, zu denen man sich anmelden kann und die sich dann in der Regel einmal monatlich treffen, z.B. Sticken, Software, Bernina-Club, Serger, Anfänger, alles mögliche. Plus diverse Kurse, vom Freemotionquilten, Bargello-Quilts über Taschen bis zu Kinder-Kursen.

Mit dem Leabu-Sewing Center haben wir noch einen Laden, der auf Näh- und Stick-Maschinen, Serger und Mid- und Longarms spezialisiert ist, Babylock und Brother, auch mit endlos viel Zubehör und Schnickschnack, Stoffe und Stickbedarf. Vielleicht etwas mehr technisch orientiert. Auch hier gibt es Kurse, aber bei denen war ich leider noch nie.

Brenda Ratliff (Just a bit frayed) hatte hier auch ihren Laden, Pink Castle Fabrics. Da schlug das Modern-Quilter-Herz Purzelbäume. Sie hatte eine tolle Auswahl an japanischen Stoffen und sowieso allem, was gerade so angesagt ist. Im Gegensatz zum Ann Arbor Sewing Center spielte hier der Online-Shop eine ganz große Rolle. Brenda hat tolle Stoffpakete zusammengestellt. Auch hier gab es Clubs, allerdings virtuell, so dass man jeden Monat zu allen möglichen Themen liebevoll zusammengestellte Stoffpakete geschickt bekam, z.B. mit Stoffen von Art Gallery, Liberty, Cotton&Steel, oder Unistoffe, Low Volume (also dezente bzw. neutrale) Stoffe, und so weiter. Man konnte zwischen Fat Eights, Fat Quartern und Halb-Yard-Paketen wählen. Janome-Maschinen hatte sie auch, und nebenher hat sie Stoff für RJR Fabrics entworfen. 

Etwas südlich von uns, in Saline, gibt es den Quiltladen „The Quilting Season“, eine echte Oase. Hier wird die Gemeinschaft groß geschrieben, man kann an mindestens vier Tagen der Woche einfach kommen und nähen, jeder kümmert sich, ist freundlich und hilfsbereit. Man kann sich kostenlose Stoff-Kits mitnehmen, um daraus Baby-Quilts für die Frühchenstation eines nahegelegenen Krankenhauses zu nähen. Oder Kopfkissenbezüge für das Kinderkrankenhaus. Oder Kuschel-Schildkröten als Begleiter für todkranke Kinder. Es gibt auch Kurse für Kinder, die dann lernen, Puppen für kranke Kinder zu nähen. Ich habe hier schon über Mary Hogan und ihr Engagement in der Quilting Season geschrieben.

Flohmarkt vor der Quilting Season

Jährlich gibt es hier im August einen Flohmarkt, für den jeder sein Nähzimmer ausmisten und spenden kann. Der Erlös aus dem großen Verkauf wird dann genutzt, um finanzschwachen Familien zu helfen, Schuhe für das neue Schuljahr zu kaufen. Die Atmosphäre in diesem Laden kann man ahnen, wenn man den Newsletter von Mary Lindquist liest: Jeden Mittwoch freue mich auf ihre Gedanken, Neuigkeiten und positive Weltsicht, mit der sie ihre Leserschaft inspiriert. Du kannst ihn hier auch abonnieren, wenn Du mal einen Einblick bekommen möchtest. Aber später mehr zum Thema Gebraucht-Stoff.

Himmlisch

 

Neben diesen feinen LQS (Local Quilt Shops, da habe ich auch eine Weile gegrübelt, bis ich das raushatte) gibt es noch die ‚Big-Box-Stores‘, also die Ketten. Das sind Supermärkte voll mit Ohs und Ahs, Basteln in
allen Varianten. Und dann noch Dekosachen, um dem Portemonnaie vollends den Garaus zu machen.

Michael’s hat nicht so viel Stoff, aber viel Zubehör. 

Einer von Joanns gemeinen Versuchen, mich in den Laden zu locken

Und Joann (wir haben zwei in der Stadt, 10 Stück innerhalb von 50 km), ja, Joann hat irgendwie alles. Man braucht schon viel Kraft, um da wieder rauszukommen. Alleine die Wand mit Kona Cotton, teilweise für 5 Dollar, seufz. Bei Stoffen muss man gut hingucken: manche fühlen sich gut an, aber die meisten sind aus gutem Grund sehr billig. 

Dazu gibt es dann noch die berühmt-berüchtigten Coupons. Ich bekomme täglich Emails: 40 bis 60 Prozent Rabatt auf ein Produkt meiner Wahl (wenn es den regulären Preis hat). Und genau da liegt der Hase im Pfeffer! Wenn man sich denkt: „Super, da kauf ich mir jetzt das schicke Bügeleisen, das ich schon immer haben wollte“ – das ist garantiert gerade um 2 Prozent reduziert und damit nicht für den Gutschein zugelassen. Genau wie 98% aller anderen Produkte. Grrr, schade! Es hat was gedauert, bis ich den Trick verstanden habe. Trotzdem gut, wenn man etwas nicht so dringend braucht, kann man einfach warten, bis man es zum normalen Preis findet und es dann mit dem Gutschein wirklich günstig kaufen, zum Beispiel ein feines Lineal oder eine ganze Rolle Batting. Da die Gutschein-Emails ja immer im Handy dabei sind, hält man das an der Kasse hin, die finden dann schon den besten Deal. Und sie akzeptieren auch alle Gutscheine anderer Geschäfte, zum Beispiel von Michaels. 

Apropos Rabatt: Den erhält man in vielen Geschäften, wenn man Mitglied einer Gilde oder bei der AQS (American Quilter’s Society) ist, in der Regel 10 Prozent.

Und wem das nicht reicht, der fährt in irgendeine Himmelsrichtung: Im jedem nächsten Ort ist der nächste Quiltladen. Es gibt eine eigene Zeitung, in der alle Stoffgeschäfte zu finden sind. Es gibt Shop Hops, bei denen sich Geschäfte (ich glaube, 75 Läden in Texas war der Rekord) zusammentun. Die Kundinnen können sie dann in einem bestimmten Zeitfenster (ein Tag bis Wochen) abklappern und Angebote einheimsen. Man bekommt in jedem der teilnehmenden Läden einen Stempel für ein Gewinnspiel, freie Anleitungen, besondere Angebote – und viel Spaß, besonders, wenn man sich einer Gruppe anschließt und eine gemeinsame (Bus-)Tour macht!

Dass es den ein oder anderen Online-Handel gibt, muss ich ja nicht erwähnen, in denen kann man ja von überall einkaufen. Hier haben wir nur den Vorteil, (meistens) weder irrsinniges Porto noch Zölle einkalkulieren zu müssen.

So, das war jetzt aber nur der ganz normale Handel. Viel interessanter für Sparfüchse wie mich ist die nächste Stufe.

Eine kleine Ecke der Bastelabteilung

Hier gibt es Gebrauchtwaren-Läden wie Sand am Meer. Besonders bekannt sind die Heilsarmee, Kiwanis oder Goodwill, die auch noch einen wohltätigen Hintergrund haben. Auch mein Lieblingsladen ist 100% gemeinnützig: Die Einnahmen gehen an die Schulen in Ann Arbor.

Diese Läden sind mal mehr, mal weniger gut organisiert. Man findet da alles: Haushaltswaren, Kleidung, Möbel, saisonale Deko, einzelne Untertassen, Waschbecken, und eben auch Stoff. Der Zustand der Artikel ist sehr unterschiedlich, viele der Dinge würden wir wahrscheinlich zuhause entsorgen, weil zu oll, aber hier findet sich immer wieder doch noch ein Abnehmer für alles.

Auch die Stoffqualität variiert: Häufig sind es Stoffe für Bekleidung oder Inneneinrichtung. In ‚meinem’ Laden macht man sich oft die Mühe, kleine Tüten mit Resten zu packen, koordiniert, versteht sich. Das ist natürlich für eine Anfängerin wie mich damals, die gar keine Reste hatte, ein Traum! 

Ansonsten gibt es vom ca. Fat-Quarter-Größe bis zu mehreren laufenden Metern alles zu haben. Ich lasse meist die Preiszettelchen dran, weil ich mein Glück manchmal einfach nicht fassen kann. Im Schnitt ungefähr ein Dollar pro Yard, also rund 90 Cent. Ja, ich weiß! 

Ich muss immer in alle Schubladen reinschauen, geht nicht anders

Jede Menge Schrägband

Ein bisschen Stickgarn gefällig?

Lineale, Zubehör, Maschinen finden sich natürlich auch!

In manchen Goodwill-Läden gibt es große Grabbeltonnen, aus denen man die Ladenhüter dann nach Gewicht kauft. Ich habe im Urlaub auf dem Campingplatz von meiner Zeltnachbarin ein altes, handgenähtes Grandmothers-Flowergarden-Quilttop geschenkt bekommen, das sie für einen Dollar in einer dieser Tonnen gefunden hatte. Ohne Worte! Ich hatte da noch kein Glück, habe auch keinen dieser Läden in der Nähe, so dass ich nicht regelmäßig auf die Jagd gehen kann.

Ich habe ja schon den Nähsachenflohmarkt des Stoffgeschäftes in Saline erwähnt. Unsere Quiltgilde veranstaltet in der Regel zwei Stoffflohmärkte im Jahr. Meine Freundin und ich sind das Team für den Verkauf vom Mai – der 2021 nach langer Pause im Oktober stattgefunden hat. Der Erlös geht immer an das lokale Frauenhaus, und dieses Mal war unser Umsatz fünfstellig. Na gut, so gerade eben, und nach einer langen Pause. Aber auch in normalen Jahren ist der Stoffverkauf ein echtes Fest. Wir bekommen Spenden aus unterschiedlichsten Richtungen. Alles, was unsere Mitglieder ausmisten, Nachlässe verstorbener Quilterinnen, deren Hinterbliebene uns komplette Nähzimmer schenken… da kommt ganz schön was zusammen. Wir verkaufen nach Volumen: Eine Plastiktüte 16-30 Dollar, größere Tüten 30-50 Dollar. Man darf geben, was man möchte, und die meisten sind sehr großzügig, denn es ist ja für einen guten Zweck. Und in so eine Tüte passt EINE MENGE Stoff rein! Ich habe mal eine zwei oder drei Yard großes Stück eines funkelnagelneuen Cotton&Steel-Stoffes gefunden, da musste ich dann aber auch mal ein Momentchen in eine Tüte atmen.

Unser absolut genialer Stoffverkauf

 

Zu guter Letzt  gibt es noch Haushaltsauflösungen, meinen ersten Eindruck davon  habe ich schon vor langem mal hier beschrieben – und private Garagenverkäufe. Im Sommer an jeder Ecke bzw Garage zu finden. Auch da bin ich schon über die dollsten Sachen gestolpert. Es gibt mehrere Seiten im Internet und auf Facebook, besonders auch für die Haushaltsauflösungen, mit Listen und Fotos, so dass man weiß, wann wo was passiert. Teilweise muss man sehr früh dasein, weil wahre Menschenmengen vor der Tür stehen. Dann werden zwei Stunden vor der eigentlichen Öffnungszeit Nummern verteilt, damit es gerecht zugeht. Zu solchen Verkäufen gehe ich aber nur, wenn es alte Quilttops oder Quilts gibt.  

So sieht eine typische Beute aus

So, jetzt weißt Du, wo meine Stöffchen hauptsächlich herkommen. Natürlich ruft auch immer mal wieder jemand in Stoffläden und auf Veranstaltungen ‚Mama‘ – da kann ich ja auch nicht immer nein sagen, oder?

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