Im Quiltland – Was hier so los ist

Ich werde immer wieder gefragt, ob ich nicht einen Blogpost über das Thema Quilten und Patchwork in den USA schreiben kann. Nein, kann ich nicht. Also, alles amerikanische Quiltleben in einen Post zu packen – der würde viel zu lang werden. Aber ich kann ja mal anfangen, über das eine oder andere berichten. 

Quilten Patchwork Quiltmessen Quiltmuseen in USA Veranstaltungen 

Über das Stoffkaufen habe ich ja schon geschrieben – schau hier. 

Hier kommt jetzt ein Post über Veranstaltungen und Museen. Aber auch nur über ein paar ausgewählte, ich muss einfach noch mehr Posts schreiben. 

Als wir nach Michigan gezogen sind, wusste ich so gut wie gar nichts über das Quilten und welche Rolle es hier spielt.

Anfangs dachte ich, dass es ja eh alles in Deutschland gibt, was es auch hier gibt, denn durch das Internet sind Grenzen und Entfernungen schließlich Nebensache. Ich kenne nicht sehr viele deutsche QuilterInnen persönlich, und auch nur eine (größer werdende) Handvoll virtuell. Das sind diejenigen, die über das www vernetzt und öffentlich sind. Ich vermute, dass ich dadurch nur einen bestimmten Teil der QuilterInnen wahrnehme, nämlich die Technik- und Englisch-affinen. Die werden vom Englischen nicht abgehalten und sind dadurch seit vielen Jahren über Blogs und die sozialen Medien auf dem Laufenden darüber, was hier und sonst wo in der Welt passiert. Deswegen dachte ich, ‚es weiß doch sowieso jeder Bescheid‘. Und da ich nie so sehr viel medial unterwegs war, gehörte ich nicht zu den „Wissenden“, sondern hänge der ganzen Entwicklung locker ein Jahrzehnt hinterher. Aber vielleicht gibt es doch jemanden, den es interessiert, und deswegen beschreibe ich einfach mal, was die USA der geneigten Quilterin zu bieten hat.

Also: Es gibt unzählige (buchstäblich) kleine und große Quilt-Veranstaltungen und Sehenswürdigkeiten im ganzen Land. 

 

Paducah

Ganz groß ist natürlich die QuiltWeek der American Quilter’s Society.

In den Messehallen

Die AQS ist der größte Mitgliederverein für Quilter weltweit. Das Unternehmen wurde 1984 von der Familie Schroeder (von Schroeder Publishing) gegründet und hat 140 MitarbeiterInnen. Die AQS hat 55.000 Mitglieder, bringt sechs Ausgaben des Mitgliedermagazins jährlich heraus, bietet alle möglichen Vergünstigungen, kostenlose Anleitungen, kostenpflichtige Videokurse, und veranstaltet Quiltshows. Die mit dem größten Kultstatus findet in Paducah, Kentucky, statt. Das ist ein beschauliches Örtchen am Ohio River, dem Grenzfluss nach Illinois. Und in Amerika das Quilt-Walhalla. Houston ist groß und international bekannt, aber Paducah ist das nationale Heiligtum. Hier findet sich nicht nur die AQS, sondern auch das Nationale Quiltmuseum, mit Hancock’s der größte Stoffladen, den ich je gesehen habe, und Paper Pieces. Selbst der Walmart (eine Warenhaus-Kette, die in Amerika nicht unbedingt den besten Ruf hat) in Paducah hat eine beeindruckende Stoffauswahl.

Hancock’s of Paducah

Bei der letzten Quiltshow im Frühling 2019 waren alle 50 Staaten und 19 Länder repräsentiert – und 35.000 BesucherInnen.

Das Quiltmuseum ist eine Institution – obwohl etwas kleiner, als ich es erwartet hätte. Die häufig wechselnden Ausstellungen sind mitunter atemberaubend und beziehen immer öfter moderne Quilts ein.

Das Nationale Quiltmuseum in Paducah, Kentucky

Die schon erwähnte American Quilter’s Society hat also ihren Sitz in Paducah und ist eine ziemlich einflussreiche Institution. Hier werden die LehrerInnen ausgesucht und Quilts prämiert, das bedeutet sehr viel Macht über den Markt und die Trends. Die AQS steht eher für die traditionellen Quilts.

Neben Paducah veranstaltet sie pro Jahr vier weitere Quiltwochen in anderen Städten. Zurzeit sind das Branson, Missouri, Daytona Beach, Florida, Des Moines, Iowa, – und Grand Rapids, Michigan. Das ist erstens eine wirkliche nette, extrem kunstfreundliche Stadt (google mal ‚ArtPrize‘, genial!), und zweitens nur zwei Stunden von mir. Ich war drei Tage da, und habe es so genossen: Die Veranstaltung ist kleiner als Houston oder Paducah, aber eine der lukrativsten und immer noch riesig. Es gibt eine atemberaubende Quiltausstellung, viele coole Workshops (ich war bei Sheila Frampton-Cooper, Pam Beal und Susan Cleveland, unterschiedlicher geht es wahrscheinlich nicht) und jede Menge Verkaufsstände. Was für ein Spaß. Und das jedes Jahr im August.

Gleich nach Paducah (oder vor, wie man will) kommt in der Hitliste der Quiltmarket (für FachbesucherInnen) und das Quiltfestival (für den Rest von uns). Dort trifft sich das Quiltvolk zweimal jährlich, um die neuen Stoffkollektionen, Bücher, Werkzeuge etc. zu zeigen, Kontakte zu pflegen und KundInnen bzw. AuftraggeberInnen zu finden. Auch hier große Quiltausstellung sowie eine Menge an Workshops und Vorträgen. Im Herbst immer in Houston, Texas, und im Frühjahr Springmarket/-Festival in unterschiedlichen Städten. Ich war 2018 mit Freundinnen zwei Tage zum Festival in Chicago. Zum Quilt Market komme ich natürlich nicht, bin ja keine Fachbesucherin. 

 

Lincoln

Neben dem Nationalen Quiltmuseum gibt es noch das Internationale Quiltmuseum in Lincoln, Nebraska. Die Stadt liegt ein bisschen weit ab von jedem Schuss und scheint hauptsächlich aus mehrspurigen Einbahnstraßen zu bestehen. Die Ampeln hängen nicht hochkant, sondern waagerecht – und ich weiß nicht, warum das so ist. Aber nicht nur wegen dieser exzentrischen Besonderheiten ist es wirklich eine Reise wert. 

Internationales Quiltmuseum in Lincoln, Nebraska

Das Quiltmuseum ist traumhaft, und am liebsten würde ich für jede einzelne Ausstellung hin, bisher war ich zweimal da. 

Den tiefsten Eindruck hat ‚Abstract Design in American Quilts‘… hinterlassen. Dafür bin ich tatsächlich die 1.200 Kilometer gefahren: Sie hatten zum 50. Jahrestag die Ausstellung wiederbelebt, die 1971 in New York im Whitney Museum of American Art den Blick der Kunstszene und der Öffentlichkeit auf Quilts entscheidend verändert hat. Nach anfänglichem Naserümpfen der Kritiker (How shocking: „Handarbeiten von Hausfrauen“ in den heiligen Hallen), war man vom (Publikums-) Erfolg der Ausstellung überrascht, ebenso vom künstlerischen Wert der alten Quilts, die da hingen: Sie haben die Entwicklung der modernen abstrakten Kunst vorweggenommen – teilweise um ein Jahrhundert! Die Whitney-Ausstellung hatte riesigen Einfluss. Nicht nur, dass ein breiteres Publikum auf Quilts aufmerksam wurde, sondern auch, dass Quilts sich als Kunstform etablieren konnten. Das bedeutete auch, dass Künstler, die mit dem Quilten experimentiert hatten, sicher sein konnten, dass ihr Medium fortan in der Kulturhauptstadt Amerikas ernst genommen würde. 

Ich hatte eine Dauergänsehaut, als ich vor diesen ikonischen, so oft abgedruckten Quilts stand.

An der Uni in Lincoln kann man übrigens – genau: Quilt Studies studieren!

 

Mehr Museen

Apropos bleibender Eindruck: Hier habe ich über die Ausstellung ‚How I picture it in my mind‘ im Kunst-Museum von Flint geschrieben, die mich 2016 einfach um-ge-hau-en hat.

 

Wisconsin Museum of Quilt and Fiber Arts in Cedarburg

In dem kleinen, sehr hübschen Ort Cedarburg in Wisconsin (so viele nette kleine Galerien und Kunstgewerbeläden…) hat ein Verein viel Geld und Arbeitszeit aufgebracht und eine alte Scheune liebevoll renoviert, um darin das Wisconsin Museum of Quilts & Fiber Arts unterzubringen. Ganz klein, aber hübsch und mit sehenswerten Ausstellungen. Und mit einem wirklich guten Workshop-Bereich.

Auf meinem letzten Trip nach Lincoln habe ich dann auch das winzige Örtchen Winterset in Iowa auf den Reiseplan gesetzt. Ein Bilderbuchbeispiel für ‚Small town America‘ (5.400 EinwohnerInnnen). Das kleine, feine Iowa Quilt Museum mitten im Ort, gegenüber dem Bezirksgericht in Neo-Renaissance-Architektur, war den kleinen Umweg ganz sicher wert. 

In Winterset ist übrigens auch John Wayne geboren, es gibt ein etwas schräges John-Wayne-Museum, falls das jemanden interessiert. Ich finde es eindeutig spannender, dass Marianne Fons (zum Beispiel von Fons&Porter) hier wohnt.

Ich könnte noch stundenlang weiter schreiben, zum Beispiel über die vielen anderen Quilt-Museen, in denen ich noch nicht war. Über das Quiltfestival im Amishen-Örtchen Shipshewana, zu dem ich jedes Jahr pilgere, habe ich hier schon mal geschrieben. Und auch von der Quilter’s Hall of Fame in Marion, Indiana kannst Du hier lesen.

Aber auch ganz normale Kunst-Museen hier haben regelmäßig Quilts als Sonderausstellungen, das Flint Institute of Art habe ich gerade schon erwähnt, 2018 hatte ich das Glück, eine traumhafte Ausstellung über Erinnerungsquilts im Art Institute Chicago sehen zu können. Hier sind Bilder einer Ausstellung im Toledo Art Museum. 

Und mein Lieblingswerk aus dieser Ausstellung:

 

Retreats

Ach ja, genau: Dass man hier zu Retreats (das sind Quiltferien, ein Wochenende, eine ganze Woche, zwei Wochen…) fährt, ist absolut selbstverständlich und wundert keinen. In der Regel sind das (Selbstversorger-) Unterkünfte (von 4 bis 25 Betten), in denen ein bis zwei Gruppen für sich sind und ungestört Tag und Nacht nähen können (und quatschen, essen, trinken, was das Quilter-Herz eben so begehrt) – ich nenne das ‚Nähen im Schlafanzug‘. Das ist definitiv einen eigenen Blogpost wert. Mein Lieblingsort ist das Retreat Center Creative Passions anderthalb Stunden nördlich von uns – das ist genau da, wo ich das hier gerade schreibe.

Mein Happy-Place

Und dann – dramatische Pause – Quilt-Kreuzfahrten! Finden die irgendwie normal hier. Daran habe ich mich auch noch nicht so ganz gewöhnt. Aber ein schöner Traum, stell Dir mal vor, ins Eis mit Nordlichtern, oder nach Bali oder Hawaii, nebenher noch Batik-Stöffchen shoppen. SCHNAPP-AT-MUNG!!! 

Glorreiche Zeiten

Brenda Ratliff hat hier in Ann Arbor den Glamp Stitchalot Retreat organisiert. Es kamen Jahr für Jahr sehr coole Lehrer, Carolyn Friedlander, Giucy Juice, Anna Maria Horner, Alexia Abegg, Jacquie Gering, Vanessa Christenson, Lizzy House, I am Luna Sol, Kid Giddy, Sherri Lynn Wood, Jeni Baker, Sara Lawson und Kristin Link… vier mal drei Stunden Powerpack, ziemlich irre. Aber das war mir immer zu groß, voll und ich weiß nicht. Da Brenda nicht mehr im Quiltbusiness ist, finden sie leider nicht mehr statt.

QuiltCon 2020 – Bild von der MQG-Seite geklaut

Aber für groß und modern gibt es ja die QuiltCon. Das ist die größte moderne Quiltshow: BesucherInnen aus der ganzen Welt (und ich hatte schon die Freude, deutsche QuilterInnnen treffen zu dürfen), hunderte moderne Quilts, viele sozialkritische Quilts zum Beispiel in der Ausstellung der Social Justice Sewing Academy oder den Indigenen QuiltmacherInnen aus Arizona in 2022, Vorträge und Workshops. Aber davon fange ich hier und jetzt nicht auch noch an, das ist wieder ein Kapitel für sich. Schreib ich auch mal drüber. Noch ein anderer Post :o)

2 Kommentare

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