Warum Erinnerungsquilts?

Quilts haben in Deutschland doch gar keine Tradition, was ist also daran so besonders?
Was ein Quilt ist, habe ich hier schon erklärt. Und warum sich bei mir eben alles um sie dreht, steht hier.

Heute versuche ich mal, die Bedeutung der Erinnerungsquilts zu beschreiben.

Was genau sind denn Erinnerungsquilts?

Erinnerungsquilts werden aus bedeutungsvollen Textilien zusammengenäht, um einen wichtigen Schritt, ein besonderes Ereignis oder gleich das ganze Leben eines Menschen zu feiern. Die Babyjahre, die Pensionierung, die erste eigene Bude oder Umzug ins Seniorenheim, Hochzeit, Scheidung, Verlust, es gibt endlos viele Anlässe.

Dazu eignen sich alle Stoffe, die sich irgendwie vernähen lassen, Hemden, Hosen, Jacken, Mützen, Krawatten… aber auch Tischdecken, Bettwäsche, Gardinen, Hochzeitskleider.

Stoffe, Schals, Decken als Ausgangsmaterial für einen Erinnerungsquilt
Erinnerungsquilts lassen sich aus dem wildesten Material-Mix machen!


Zusätzlich kann man natürlich auch normale Stoffe ergänzen. So kann man eine wilde Mischung unterschiedlichster Materialien oder Farben gestalterisch ein bisschen miteinander verbinden. Apropos Materialien: mit einigen Tricks und Tipps lassen sich die verschiedensten Materialien, von der Seidenbluse über Strickpullis bis zum Spitzendeckchen, in einem Quilt vereinen.

Gestalterisch gibt es eh keine Grenzen oder Regeln – alles ist erlaubt.



Und was ist an Erinnerungsquilts so besonders?

Die Frage ist, was Erinnerungs-quilts haben, das andere Andenken, Erinnerungsrituale und Souvenirs nicht haben.

Quilts sind auf so vielen Ebenen hilfreich und bereichernd:

  • Quilts sind ganz banal nützlich
    Ob als Sofakuscheldecke, Bettüberwurf oder Picknickplatz – sie erfüllen einfach einen Zweck und man kann sie im Alltag nutzen.
  • Erinnerungsquilts sind vernünftig
    Recycling: Wenn man aus alten Sachen etwas Neues zaubern kann, spart man nicht nur Geld, sondern schont die Umwelt gleich doppelt, indem man weniger neuen Stoff kaufen und weniger alten Stoff auf den Deponien entsorgen muss. 
  • Quilts bleiben
    Es ist kein Geheimnis, dass es für jeden Menschen erfüllend und sinnbringend ist, wenn er/sie etwas erschafft, das bleibt. Solche Quilts sind Erbstücke, die über Jahrzehnte nichts an ihrer Bedeutung einbüßen.
  • Erinnerungsquilts helfen, loszulassen
    Ob beim Umzug ins Altersheim, dem Abschied von der Kindheit oder dem Verlust eines Menschen: Es hilft unglaublich beim Aussortieren, wenn man einige besonders bedeutsame Stücke festhalten kann und weiß, dass sie eine neue Aufgabe bekommen und bei uns bleiben.
  • Quilten gibt uns ein kreatives Ventil
    In unserer digitalen Welt fehlt uns zunehmend die Erfahrung, wie befriedigend es ist, etwas mit unseren Händen herzustellen, zu kreieren. Sich selbst mit einer kreativen Technik auszudrücken ist ein urmenschliches Bedürfnis. Dass Kunsttherapie so erfolgreich ist, überrascht schließlich auch keinen. Und es macht schlichtweg Spaß, mit Stoffen, Formen und Farben zu spielen.
  • Erinnerungsquilts schenken uns Andenken zum Anfassen
    Man kann sich alte Fotos anschauen. Aber stell Dir vor, wie diese Menschen Erinnerungen einfach anfassen:
    – die Enkelin, die sich in die Hemden ihres Opas einkuscheln kann,
    – die alte Dame, die sich an den kleinen Teilen ihrer Lieblingstischdecke und Kissenbezüge auf ihrem Überwurf erfreut, die sie als Ganzes nicht alle mit ins Seniorenheim nehmen konnte,
    – das Scheidungskind, das mit seinem Quilt mit Sachen beider Eltern zwischen den Welten pendelt,
    – der pensionierte Manager, der seine Krawatten jetzt in der Picknickdecke als schöne Erinnerung genießt,
    – das grummelige Pubertier, dessen Kuscheldecke aus seinen eigenen Babystramplern immer noch sein Heiligtum und heimlicher Tröster ist
    – der heimwehkranke Erstsemestler in seinem Wohnheim, eingewickelt in seine alten Fußballshirts.
  • In Quilts steckt ein Zauber
    Ich bin der festen Überzeugung, dass Erinnerungsquilts eine magische Kraft haben. Sie können Erinnerungen und Gefühle speichern, sie uns sichtbar und zugänglich machen, sie trösten ohne Worte und geben Halt, wenn wir ihn brauchen. Sie können im Keller oder vergraben unter anderen Decken liegen, sind aber immer einsatzbereit. Zu wissen, dass ein Teil unserer Vergangenheit, unserer Kindheit, unserer Erinnerungen oder geliebter Menschen für uns da ist, gibt so viel Sicherheit, auf eine subtile Art.

In Amerika ist es selbstverständlich, dass man zum Schulabschluss, zur Hochzeit, zur Geburt eines Kindes einen Quilt geschenkt bekommt. Meg Cox hat in diesem Vortrag eindrücklich geschildert, welche Bedeutung ein Quilt hatte, den sie geschenkt bekommen hat.
Einen (oder mehrere) persönliche Quilts zu haben, ist der ultimative Beweis, dass uns jemand sehr liebt.
Aber das lässt sich noch steigern, und auch darüber hat Meg Cox gesprochen.

Erinnerungsquilts selbst nähen

Es gibt aber auch Situationen, in denen das Herstellen eines solchen Quilts eine unfassbar effektive Therapie sein kann.  

Einen eigenen Erinnerungsquilt zu machen, ist rein technisch auch für NähanfängerInnen gesehen machbar, ganz besonders, wenn man sich Hilfe dabei holt. In Workshops bekommt man nicht nur das Knowhow, sondern trifft andere Menschen, die mit den verschiedensten Textilien zusammenkommen und gemeinsam an ihren Quilts arbeiten. Und sich austauschen! Und schon hat man eine sehr intensive Gruppe, die sich mutig auf eine Reise begibt.


Denn so einen Quilt selbst zu nähen bedeutet, dass man sich auf einen intensiven Prozess einlässt, der in der Regel eine Achterbahnfahrt der Gefühle ist. Allein das Sortieren der Materialien kann eine große Herausforderung sein, besonders, wenn man mit Kleidung arbeitet: der Stoff, der uns vom ersten bis zum letzten Lebenstag begleitet. Im Englischen heißt Kleidung ‚clothes‘, und das klingt fast wie ‚close‘ (nah). Sagt das nicht schon alles? Nichts ist emotional stärker aufgeladen als die Kleidungsstücke eines Menschen.

Ob jetzt eine Mutter nochmal durch die Sportshirts des Kindes geht und die Jahre auf dem Fußballplatz Revue passieren lässt, man voller Vorfreude auf die Kuscheldecke die süßesten Strampler beiseite legt, oder ob man bis zum nächsten Ersten die Wohnung eines Elternteils ausräumen und sich von Kleidungsstücken trennen muss, an denen noch der Geruch der Mutter oder des Vaters haftet – es ist immer ein Trip ins Unbekannte.

Warum sollte man das riskieren?

Der Gewinn, wenn wir es wagen, uns diesem Prozess zu stellen, ist gigantisch. Solche Stoffe selbst zu zerschneiden, ist genauso schmerzhaft wie heilend. Man lässt das Alte gehen, aber ehrt und bewahrt es, indem man es in etwas Neues verwandelt. Etwas Warmes, Weiches, Schönes und Nützliches, das wir in den nächsten Lebensabschnitt mitnehmen können, ihm einen neuen Sinn geben, ohne den alten zu verlieren. Transformation, im Stoff wie in der Seele.

Man kann diesen Weg auch zu sich selbst gehen, sich auf sich selbst einlassen, indem man zum Beispiel einen Quilt für sein inneres Kind näht. Das ist eine ganz besondere Art, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, sich aus Krisensituationen herauszuarbeiten und Frieden zu schließen.

Wann ist die Zeit, selbst einen Erinnerungsquilt zu nähen?

Ich werde übrigens oft gefragt, wann denn der richtige Zeitpunkt sei, zum Beispiel einen Trauerquilt anzugehen. Und natürlich gibt es nicht DEN Zeitpunkt.
Für manche ist es lebensrettend, gleich nach dem Tod eines geliebten Menschen anzufangen, das hat mir Meg Cox noch einmal sehr klar gemacht. Diese Arbeit gibt uns etwas, an dem wir uns festhalten können, wir können die Situation buchstäblich ‚begreifen’. Das kann uns über Wasser halten, wenn es gar nicht mehr geht.
Manchmal hilft das kreative Tun einfach, uns abzulenken.
Es ist auch eine sehr intensive und intime Form des Abschiednehmens, wenn man viele Stunden mit den Kleidungsstücken eines Menschen verbringt. Das geht mir selbst dann so, wenn ich die Person gar nicht kenne und/oder es sich nicht um einen Trauerquilt handelt. Das Nähen eines Quilts hat immer einen sehr meditativen, innigen Anteil.
Nicht zuletzt gibt uns das Herstellen eines Trauerquilts die Macht, die Situation selbst zu bestimmen. Wir entscheiden, wann und was wir zerschneiden, wir können etwas Neues entstehen zu lassen, müssen nicht im Alten verharren.

Wann – oder ob jemals – sich jemand dieser Auseinandersetzung stellen will, ist völlig offen. Es ist, wie alles in der Trauerarbeit, ein Angebot, eine Möglichkeit. Frei nach meinem Lieblingsmotto: Alles geht, nichts muss.

Ich brenne für Erinnerungsquilt bzw. Quilts überhaupt. Und obwohl sie in Deutschland (noch) nicht so selbstverständlich sind wie in Amerika, träume ich trotzdem davon, dass möglichst viele Menschen so eine genähte Umarmung erleben dürfen.

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